Donnerstag Nachmittag, strahlend blauer Himmel, 24 Grad

Als ich diese Karte vor einigen Tagen aus dem Sign-Deck der so inspirierten Jwala Gamper zog, war ich im ersten Moment enttäuscht. Na toll! Da gab es für mich ja Nichts zu tun. Wie unbefriedigend.

Immer wieder kamen mir die vier Worte in den Sinn und habe sie gleich wieder von mir weggeschoben. Hat sich mir der tiefere Sinn so einfach doch nicht erschlossen. Damit meine ich: Ich habe ihn nicht gefühlt. Er hat wohl meinen Verstand, jedoch mein Herz erst einmal nicht erreicht.

 

Heute im Laufe des Mittags bis in den frühen Nachmittag durfte ich überraschenderweise die erfüllende Botschaft erfahren. 

 

Ich hatte mich mit meiner 86-jährigen Mutter, die seit 18! Jahren verwitwet und alleinstehend ist, zum gemeinsamen Einkaufen verabredet. Natürlich wäre es der Situation in Zeiten von Corona angemessen gewesen, ihr alles zu besorgen und dann, möglichst ohne mit ihr in direkten Kontakt zu treten, vor die Haustüre zu stellen. Doch ich konnte ihrem Wunsch und der damit verbundenen Vorfreude, endlich mal wieder die Wohnung zu verlassen, nichts Vernünftiges entgegensetzen. Zumal sie die letzten eineinhalb Jahre aufgrund einer extrem langsam heilenden Verletzung am Fuß ihr Zuhause nur selten verlassen konnte. Sie war auf Fahrdienste angewiesen und hat ihre körpereigene Mobilität fast gänzlich aufgeben müssen.

Als dann ab Anfang Februar endlich wieder Land in Sicht war, kam das Virus mit den bekannten Einschränkungen daher.

Bescheiden, wie sie ist, hat sie sich nie wirklich beschwert oder gar geklagt. Sie freute sich in den vergangenen Wochen über das schon warme Frühlingswetter, denn so konnte sie sich schließlich ein paar Stunden auf ihren Balkon setzen, wo sie in den Mittagsstunden Sonne hat, und von hier aus am Leben teilhaben. Die Vögel beobachten, das Aufblühen der Natur bestaunen und gespannt darauf sein, ob sich der Storch, der in einem nahegelegenen Ortsteil nistet, auch heute wieder auf einem der gegenüberliegenden Hausdächer zeigt. Dies tut er mehrmals die Woche und meine Mutter erzählt es mir dann mit der Begeisterung eines Kindes bei unserem nächsten Gespräch.

Der Standardsatz, den sie bei unseren täglichen Telefonaten auf meine Frage, wie es ihr denn heute gehe, zur Antwort hat und den ich nie so richtig ernst genommen habe, lautet: "Ich bin zufrieden." Irgendwie bin ich dann oberflächlich beruhigt. Es könnte ja auch ganz anders sein. Andererseits vermute ich, sie will mich einfach nicht belasten. Ein für ihre Generation oft übliches Verhalten.

Wir sind dann also in den Einkaufsmarkt ihres Vertrauens gefahren.

Gerne wäre sie mit mir danach noch irgendwohin zum Kaffeetrinken, zum Unterhalten, zum Draußenbleiben. Hauptsache nicht schon wieder zurück in die vier Wände, ins Alleinsein, wo es auf Dauer ermüdend und anstrengend ist, sich bei Laune zu halten. Sie hatte so nachvollziehbar Sehnsucht nach Abwechslung, nach neuen Eindrücken und Impulsen.

Heute war ich in einer entspannten, ausgeglichenen Energie, konnte ihren unausgesprochenen Wunsch deutlich spüren und habe ihr den Vorschlag gemacht, das am Stadtrand liegende Gelände eines Naturschutzvereins zu besuchen. Hier gibt es Esel, Hühner, Ziegen und Enten, blühende Büsche und Sträucher, einen kleinen Teich und das gesamte Areal ist ganztägig sonnenbeschienen. Vor allem halten sich dort wegen der derzeitigen Ausgangsbeschränkung fast keine Besucher auf. Den Mindestabstand kann man also problemlos einhalten.

Meine Mutter ist mit allen Sinnen eingetaucht. Langsam, in ihrem Tempo hat sie an meinem Arm dieses Gelände, wo sie früher oft und gerne war, erkundet, neu entdeckt. 5, 6 Schritte. Innehalten. Schauen. Staunen. Kommentieren. Irgendwie hatte ich für diese gute halbe Stunde den Eindruck, es würde bei ihr gerade ein Verjüngungsprozess stattfinden. Ein Wiederbeleben. Sie strahlte mit der Sonne um die Wette. Und ich? War Zuschauer, aufmerksame Beobachterin. Schon lange nicht mehr hatte ich meine Mutter so fröhlich, interessiert und glücklich erlebt.

In dem Maße, wie mir das bewusst wurde, kehrte in mir Demut und große Achtung ihr gegenüber ein. Entspannung und ein wunderbar warmes Glücksgefühl.

Auf einer im Halbschatten gelegenen Bank machten wir eine gemütliche Pause. Meine Mutter im kompletten Genussmodus sog die Bilder förmlich in sich ein und auf dem Weg zum Auto sagte sie, und dabei schwang ein bisschen Wehmut in ihrer Stimme: "Ach, davon kann ich die nächste Zeit zehren... Danke, Sabine, danke. Das war heute ein Geschenk. Danke."

Ein winziger, kurzer Stich machte sich in meiner Herzgegend bemerkbar. Nicht aus schlechtem Gewissen oder angesicht der unwiderruflichen Vergänglichkeit des Augenblicks und des Lebens überhaupt. Es war das Einsinken der Bedeutung des Satzes "Ich gebe mich zufrieden". Der Moment, wo in meinem System eine Beseelung stattgefunden hat auf ihrem Weg vom Kopf zum Herz.

Ich habe meine Mama dann nach Hause gefahren, ihr die Einkaufstaschen nach oben getragen und mich von ihr verabschiedet. Von einer Frau, die ich so noch nicht erkannt hatte. In einer weiteren Facette ihrer wahren Größe...

Mit einem Mal durchflutete mich ein mächtiges Gefühl von Dankbarkeit. Dankbarkeit für die wundervolle Mutter, die ich habe und Dankbarkeit für das Ganzkörper-Geist-Erfahren dessen, welche Fülle Zufriedenheit in sich birgt. Tiefen Frieden.

Es ist mir ein Bedürfnis dieses Erlebnis zu teilen. In dem Bewusstsein nach dem Gesetz der Resonanz wird diese Energie da und dort landen, wo sie ihre zart-süsse, nährende Essenz verströmen darf... Because we all are connected.

 

Love & Shine

Sabine